Lehrersicht

Der Ganztag hat mein Leben stark beeinflusst.

Ganze  Tage, volles Leben!

Der Ganztag aus der Sicht der Lehrer

Es ist hier sicherlich kaum möglich, nach der kurzen Zeit mit unserer ersten Ganztagsklasse weitreichende Erkenntnisse zu präsentieren. Dennoch wollen wir versuchen, eine persönliche  Einschätzung vorzunehmen, die wir aufgrund unserer täglichen Erfahrung mit dem Konzept und aus dem gemeinsamen Umgang mit den Schülern und Schülerinnen gewonnen haben.

Wenn im August die neuen Kinder ihre Klassen beziehen und mit großen Augen das Schulgelände inspizieren, dann ist das für alle Beteiligten eine aufregende und herausfordernde Zeit. Schnell  kommt es da einmal zu Irritationen oder Rangeleien untereinander. Wir haben gerade in dieser Phase gemerkt, wie hilfreich und wichtig es ist, die Kinder nicht nur von Raum zu Raum zu  dirigieren, sondern auch immer als Ansprechpartner da zu sein. Hier bietet vor allem die gemeinsame Mittagspause genügend Zeit, um mit den Kindern in Kontakt zu treten. Gleichzeitig lernt  man seine Schüler und Schülerinnen von einer anderen Seite kennen, die ohne Leistungs- und Gruppendruck auskommt und nicht an fachliche und wertende Maßstäbe gebunden ist. Auch die  Schüler merken dies und freuen sich, mit ihren Lehrern und Lehrerinnen die neuen Kartenspiele auszuprobieren: „Spielst Du mit?“, fragen sie oft. Wie schnell ist die Unterrichtssituation, die  Belehrung durch die Erwachsenen vergessen, wie schnell macht sich Spielfreude und ein Kichern breit: „Du hast den Lehrer ja geduzt!“ Ganztag bedeutet mehr als Unterricht. Die Verlängerung des  Schultages hat neue Aufgaben und Herausforderungen mit sich gebracht. Und auch wir sind dem Ganztag neugierig entgegengetreten und haben voller Spannung beobachtet, wie sich lange  durchdachte Tagesabläufe entwickeln und einspielen. Ganztag, das bedeutet Arbeiten und Lernen in der Schule. Die drei zurzeit noch als Hausaufgabenbetreuung bezeichneten Wochenstunden  stellen eine dieser neuen Herausforderungen dar. Denn was  allen grundsätzlich klar war, wurde plötzlich zu einem offensichtlichen Problem: Schüler arbeiten unterschiedlich schnell. Und – wie  organisieren wir eine angemessene Arbeitsfülle gerade dann, wenn die zu erledigenden Aufgaben aus unterschiedlichen Fächern erwachsen und von unterschiedlichen Kollegen erteilt werden,  ohne einen angemessenen zeitlichen Gesamtumfang aus dem Blick zu verlieren? Die Organisation und sinnvolle Nutzung der Arbeitsstunden setzt genaue Absprachen und häufigen Austausch  voraus, denn ein zu geringes Maß an Aufgaben ruft plötzlich ebenso Schwierigkeiten hervor wie eine zu große Menge an Aufgaben. Aber der Ganztag bringt auch neue Möglichkeiten. Im  Förderneigungsbereich bieten sich auch für Lehrer neue Freiräume. Eingebunden in das normale Unterrichtsgeschehen werden umfangreichere Projekte in kleinen Gruppen initiiert. Schüler und  Schülerinnen setzen sich spielerisch mit mathematischen Phänomenen auseinander, nehmen ein eigenes Hörspiel auf, erkunden die Welt der Roboter oder planen und gestalten eine eigene  Ausstellung und ihre Eröffnung. Frei vom curricular festgelegten Unterrichtsstoff stehen die Eigeninitiative der Schüler und ihr Engagement im Vordergrund. Ganztagsschule - so unser Zwischenfazit - bedeutet nicht Ganztagsunterricht. Es kommen nicht nur Köpfe in die Schule, um möglichst rasch gefüllt zu werden, sondern hier verbringen Kinder mit ihrer ganzen Persönlichkeit ihren Tag.  Unsere Schulkinder sollen erfahren, dass sie willkommen sind und wir uns gerne um sie kümmern. Sie sollen lernen, dass in einer Gemeinschaft aufeinander Rücksicht genommen werden muss,  dass man sich gegenseitig helfen und einander unterstützen kann. Schule im Ganztag kann so zu einem sozialen Raum werden, in dem nicht nur gelernt wird. Schule kann für Kinder ein zweites  Zuhause sein, das mehr als fachliches Wissen vermittelt. Inzwischen erscheint es uns als Selbstverständlichkeit, dass Kinder längere Zeit in der Schule verbringen, dort lernen, zu Mittag essen,  ihre Hausaufgaben erledigen oder gemeinsam spielen. Durch die längere Zeit kommen vor allem die Lernbereiche zum Tragen, die ganz wesentlich mithelfen, soziale und kreative Fähigkeiten der Kinder mehr zur Entfaltung zu bringen. In dem herkömmlichen Stundenplan, der auf einen Vormittag zusammengepresst wird, finden Neigungsbereiche, AGs und musisch-kreative Projekte  meist nur wenig Beachtung.

Björn Bollhöfer, Ann-Christin Jaworsky