Gesangsklasse/ Vokalpraktisches Angebot am EG

Im gemeinsamen Musizieren liegt ein großes erzieherisches Potential, denn es ist für Schülerinnen und Schüler ein Schlüsselerlebnis, gar ein Grundbedürfnis. Hierfür hat jeder von uns das passende Instrument von der Natur mitgegeben bekommen: die Stimme.

Das Evangelische Gymnasium bietet ab dem Schuljahr 2015 eine Gesangsklasse an. Das Konzept der Gesangsklasse hat sich seit einigen Jahren vielerorts in Deutschland bewährt. In einer zusätzlichen Doppelstunde Musik innerhalb des Neigungsbereichs erhalten die Schülerinnen und Schüler Vokalpraxis auf unterschiedlichen Ebenen. Der Unterricht findet im offenen Halbkreis statt, sodass die Kinder Bewegungsfreiraum und Hörkontakt haben.

Die Schülerinnen und Schüler, die dieses vokalpraktische Angebot wahrnehmen, lernen musiktheoretische Inhalte über ihre Stimme. Musik wird als „Sprache“ verstanden und ähnlich einer Fremdsprache erlernt. Mit dem „tonalen Alphabet“ im Kopf können sich die Schülerinnen und Schüler schnell musiktheoretisches Wissen aneignen. Im Zentrum des Musikunterrichts steht nicht das Reden über Musik, sondern das Musikmachen. Die vokalpraktischen Inhalte werden so mit in den curricularen Musikunterricht eingebunden.

Das Angebot basiert im Wesentlichen auf drei Säulen, wie sie von den bewährten Konzepten  „Leitfaden Gesangsklasse“ (R. Bolender/ G. Müller) und „Singen ist klasse!“ (R. Schnitzer) vorgeschlagen und umgesetzt werden.

„Die Gesangsklasse bietet die Möglichkeit, das musikalische Potenzial der Kinder voll auszuschöpfen, und sie ermöglicht einen affektiven Zugang zu allen Bereichen des Musikunterrichts der Unterstufe wie kaum ein anderes Konzept.“ (R. Bolender/ G. Müller)

Perspektiven auf musiktheoretischer und -praktischer Ebene

1. Stimmbildung: Stimmbildung dient vor allem dem Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler im Umgang mit ihrer Stimme und fördert somit auch die Vortragsfähigkeit, z.B. bei Referaten. Darin enthalten sind folgende Elemente:

  • Bewegung, Körperbewusstsein und Haltung
  • Sprech- und Atemschulung
  • Stimmpflege und -gesunderhaltung
  • Erweiterung der stimmlichen Möglichkeiten hinsichtlich des Stimmumfangs und der musikalischen Ausdrucksfähigkeit

2. Gehörbildung, Rhythmusschulung und Audiation (musikalische Vorstellungskraft): Der Praktische Umgang mit Musik befähigt zum Verstehen von Musik. Neurobiologische Erkenntnisse stützen die Erfahrung, dass Musik nur handlungsorientiert gelernt und verstanden werden kann. Die Aneignung der im Curriculum vorgesehenen Musiklehre sowie das Notenlesen und -schreiben erfolgt über das Singen und Musizieren (z.B. Notenwerte, Tonleitern, Rhythmen, Intervalle, Dreiklänge)

  • Schulung der Rhythmuskompetenz mithilfe der Rhythmussprache nach Kodály
  • Schulung der tonalen Kompetenz mithilfe der "Relativen Solmisation"
  • Schulung des Gehörs durch regelmäßige Gehörbildung

3. Literatur von Barock bis Pop (Chorarbeit): Die Schülerinnen und Schüler lernen ein- bis mehrstimmige Stücke unterschiedlicher Epochen, Stilistiken und Kulturen (Barock, Klassik, Romantik, Gospel, Pop, Rock…) kennen und musizieren diese gemeinsam.

  • Erreichen eines schönen, sauberen mehrstimmigen Chorklangs
  • Entwicklung von musikalischer Ausdrucksfähigkeit und musikalischer Qualität

Perspektiven auf persönlicher, sozialer und kognitiver Ebene

Die Gesangsklasse bietet nicht nur Perspektiven auf musikalischer, sondern auch auf persönlicher, sozialer und kognitiver Ebene. Die Stimme ist intimes einzigartiges Ausdrucksmittel. So ist das Singen auch stets eine Auseinandersetzung des Schülers mit sich selbst, begünstigt die Persönlichkeitsbildung und schafft (musikalische) Identität.

Durch das gemeinsame Musizieren im Klassenverband entsteht eine Kultur des aufeinander Hörens, das ein positives soziales Miteinander und guten Zusammenhalt begünstigt. Erfahrungsberichten zufolge entwickeln die Schülerinnen und Schüler ein enormes Vertrauenspotenzial zueinander.

Das regelmäßige Üben und Zuhören wirkt sich auch positiv auf die Leistungsbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit in allen anderen Fächern aus. Die Wahrnehmung der eigenen wachsenden Fähigkeiten verschafft den Schülerinnen und Schülern Erfolgserlebnisse und bewirkt eine nachhaltig hohe Motivation.

Außerdem werden durch das gemeinsame Musizieren die emotionale Entwicklung und die Ausdrucksfähigkeit  der Kinder gefördert.

Langfristigkeit und Nachhaltigkeit

Angestrebt wird eine feste Klassengröße, sodass bei ausreichend Anmeldungen die Schülerinnen und Schüler in einer Klasse gebündelt werden können. Da das vokalpraktische Angebot im Rahmen des zweistündigen Neigungsangebotes statt findet, erhöht sich das Stundenpensum für die Schülerinnen und Schüler nicht.

Das Konzept bietet die Möglichkeit, das Angebot lückenlos bis zur Oberstufe wahrnehmen zu können. Der Ausstieg bzw. Wiedereinstieg ist nach Absolvierung der Jahrgangsstufe 6 stets gewährleistet, sodass die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, die Breite unseres Ganztagsangebots nutzen können.

  • Klasse 5 und 6: 2 Jahre verbindliche Teilnahme innerhalb des Neigungsbereiches. Danach ist der Ausstieg bzw. der Einstieg in Klasse 7 möglich.
  • Klasse 7: Möglichkeit der freiwilligen Fortführung im Neigungsbereich.
  • Klasse 8-9: Möglichkeit der freiwilligen Fortführung im Wahlpflichtbereich II
  • EF-Q1: mögliche Fortführung im 3-stündigen Grundkurs
  • Q1: zusätzlich mögliche Fortführung im Vokalpratischen Kurs

Gibt es Teilnahmevoraussetzungen?

Grundsätzlich können alle Schülerinnen und Schüler teilnehmen, denn anders als bei Instrumentalklassen sind hier keine Voraussetzungen nötig, da kein Instrumentalunterricht bezahlt werden muss und keine Instrumente angeschafft und gewartet werden müssen.

Die Stimme ist das körpereigene Instrument. Sie kostet nichts, muss nicht ausgepackt werden und kann nicht vergessen werden. Es entstehen auch keine zusätzlichen Kosten durch externe Arbeitskräfte, z.B. Musikschullehrer.

Das dazugehörige Arbeitsheft im Stil eines „Workbooks" wird den Schülerinnen und Schülern von der Schule bereit gestellt. So können die Lerninhalte geübt und gesichert werden.